Fehmarnbeltquerung
Conny Prasser ist eine Ultraschwimmerin, die im Eiswasser und Distanzen von über 40 km schwimmt.
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Fehmarnbelt

War es nun ein Scheitern? Aufzugeben wegen Atemnot und Hutzenreiz nach 8.15 h und 28 km in der 17 Grad kalten und welligen Ostsee?

Vor dem Hintergrund, dass die doppelte Beltquerung (Luftlinie zweimal 21 km) das Ziel war, ist ein Abbruch nach 28 km kurz vor dem hälftigen Zwischenziel natürlich ein Scheitern. Und so sehe ich das auch jetzt mit etwas zeitlichem Abstand noch. Eure Aufmunterungen und Gratulationen zu meiner Leistung helfen natürlich, die Enttäuschung zu verarbeiten. Vielen Dank dafür! – ich war überwältigt von Eurem Mitfiebern!

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Aber von vorn – wie kam es überhaupt dazu?

 

Ich war top vorbereitet, habe fast alle Trainingspläne von Swimcademy (Björn Hauptmannl) konsequent abgearbeitet und hatte mir kurz zuvor sogar eine Trainingswoche auf Fehmarn gegönnt, wo ich mich mit den Bedingungen und Tücken des Belts schon mal anfreunden konnte.

In der Vorwoche vor meinem Slot hatte ich oft mit dem Kapitän telefoniert. Er meinte, dass der einzig mögliche Tag zum Schwimmen der Montag sei. Das Zeitfenster sei jedoch äußerst kurz, da er mit dem Boot auch wieder zurück zum Hafen müsse. Insgesamt brauchten wir also ein Zeitfenster von ca. 28 Stunden mit wenig Wind und Wellen. Auch ich verfolgte ständig die zahlreichen Wetter- und Windvorhersagen  und es sah zu diesem Zeitpunkt tatsächlich danach aus, dass der Montag für das Vorhaben am günstigsten sei: Zum Startzeitpunkt gegen 1 Uhr sollte sich der Wind auf Stärke 3 verringert haben und dann weiter abflachen. Zunächst sollte der Wind aus NW, später ab frühen Morgen aus Osten kommen, was tatsächlich optimal für eine Doppelquerung gewesen wäre. Selbst am Sonntag waren wir alle noch sehr optimistisch, dass nahezu optimale Bedingungen herrschen sollten.

auf Fähre

Zusammen mit Uschi (Frau des Kapitäns), Björn und Kathrin fuhr ich also Sonntagnacht mit der Fähre von Puttgarden nach Rodby. Björn und Kathrin bestiegen dort im Hafen den „Rochen“  und ich wanderte im Schein der Taschenlampe mit Uschi durch das Hafengelände zum Strand. Dort zog ich mich um und cremte mich noch ein letztes Mal mit Sonnencreme und einem Gemisch aus Vaseline und Zinksalbe ein, klemmte eine Leuchtlampe hinten an die Brille und ein Knicklicht an den Schwimmanzug. Jetzt war ich startklar. Just in diesem Moment rief der Kapitän, der mit dem Boot schon aufs offene Meer gefahren war, nochmal an und teilte mit, dass die Wellen und der Wind keineswegs in der Weise nachgelassen hätten, wie es vorausgesagt war. Solche Infos hätte ich in diesem Moment eigentlich nicht gebraucht…

Dennoch ging ich natürlich voller Tatendrang an den Start (0.53 Uhr) – ich konnte ja nicht noch StunNachtden am Strand frieren und warten, bis sich die See beruhigt hatte in der ungewissen Hoffnung auf Besserung. Ich watete zunächst zig Meter durch knietiefen Morast aus Algenresten. Irgendwann spürte ich Wasser zwischen zwischen den Algen und gefühlte Minuten später war der Algenschlamm beschwimmbar. Ich steuerte den „Rochen“ an, der extra für diese Nacht mit Scheinwerfern ausgestattet wurde. Er wartete ca. 500m auf offener See auf mich, so dass ich die ersten Minuten allein im stockdunklen Meer zurücklegte – irgendwie unheimlich! Passieren hätte da nichts dürfen!

 

 

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Die ersten Stunden vergingen eigentlich wie im Flug. Ein Scheinwerfer war in meine Richtung ausgerichtet, so dass ich nicht im Stockdunklen schwimmen musste. Durch das Licht konnte ich sogar sehr weit in die Tiefe des Meeres blicken. Viel sah ich dort nicht, nur hin und wieder Quallen unterschiedlichster Art – auch welche mit gefährlich langen Tentakeln. Aber diese blieben – wohl auch wegen des starken Seegangs – ein paar Meter unter mir, so dass ich von einem befürchteten Kontakt mit diesen Lebewesen verschont blieb. So schaukelte und kämpfte ich mich neben dem Boot durch die Wellen. Auf dem Boot habe ich niemanden gesehen, da es auch auf dem Boot stockdunkel war und ich nur ins Licht des des Scheinwerfers sah. Aller 30 Minuten schrie Björn deshalb durch das Megafon, dass es „Essenszeit“ sei. Kathrin warf mir die an der Hundeleine befestigte Flasche zu, in der sie eine Mischung aus „Prolong“ und „CR7 Drive“ von HERBALIFE angemixt hatte. Ab und zu gabs auch noch eine Tabelle „Liftoff“ dazu, was mich puschen sollte, wenn ich Anzeichen von erster Ermüdung zeigen sollte. Ich bemühte mich, so schnell wie möglich zu trinken, um die Pausen so kurz wie möglich zu halten, damit wir nicht zu weit abgetrieben werden. Die ersten 3-4 Stunden funktionierte dies auch ganz gut.

 

Irgendwann ging dann die Sonne auf und ich sah endlich meine Begleiter – welch Wohltat! Die Luft war in dieser Nacht und an dem Morgen sehr frisch – ca. 12 – 13 Grad. Ich hoffte deshalb, dass die Sonne ein paar Wärmestrahlen zu mir ins Wasser schicken würde, auch wenn ich während des gesamten Schwimmens nicht gefroren habe.

 

Ein bisschen Abwechslung boten die großen Containerschiffe, die unseren Weg kreuzten. Und natürlich begleiteten mich ständig die großen Scandlines-Fähren „Rodby-Puttgarden“, die aller 30 Minuten pendelten.

 

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Nach ein paar Stunden wurden die Wellen etwas niedriger, aber sie blieben unangenehm bis zum Schluss. Es waren kapplige, kurze Wellen, die mir immer wieder die Arme verrissen haben. Das machte das Schwimmen sehr schwierig. Leider nahm wohl auch die seitliche Strömung zu, die das Boot sehr weit vom Kurs abgetrieben hat.  Eigentlich sollte ich immer rechts von den Fähren schwimmen, doch irgendwann fuhren diese rechts an mir vorbei – kein gutes Zeichen! Wir mussten also wieder zurück auf Kurs, was bedeutete, dass ich gegen die Strömung ankämpfen musste. Aber auch damit fand ich mich ab, es war zwar extrem anstrengend, aber machbar. So schwamm ich gefühlt ca eine Stunde Vollgas, um gegen diese Strömung anzukommen. Das Boot stand in dieser Zeit fast quer zur Schwimmrichtung, um nicht weiter abgetrieben zu werden. Nach ca 7 Stunden waren wir wieder fast auf Kurs und ich hätte nur noch geradewegs an Land schwimmen müssen. Doch eben dieses Land kam nicht näher – der Hafen von Puttgarden wurde einfach nicht größer. Offensichtlich steckten wir nun auch noch in einer Strömung fest, die vom Land aus kam. Aber auch dies zermürbte mich nicht, ich gab weiter mein bestes und hoffte einfach darauf, dass der Rückweg dann eben leichter werden würde.

 

Der Wind kam die ganze Zeit von hinten. Dies hatte zur Folge, dass die Abgase des Boots zu mir nach vorn getrieben wurden. IMG_5665Ich hatte diese zwar von Anfang an wahrgenommen, doch wirklich stark gerochen hatte ich sie erst kurz vor Puttgarden. Dort begann ich dann auch ständig zu husten – erst nur während der Verpflegungspausen, später dann auch während des Schwimmens und am Ende fast ununterbrochen. Es war ein mir unbekanntes Husten – mit Röcheln und Schmerzen in der Lunge. Erste Gedanken an einen Abbruch des Unternehmens keimten langsam in mir auf.  Dennoch kämpfte ich weiter. Ich wollte zumindest bis ans Land schwimmen, wo ich fünf Minuten Zeit gehabt hätte, um neue Kräfte zu sammeln. Vielleicht wäre der Rückweg dann wieder einfacher geworden.

Doch ca 500m wurde der Hustenreiz so stark, dass ich kaum noch Luft bekam. An ein Weiterschwimmen war ab diesem Zeitpunkt nicht mehr zu denken…  Ich zog die Reißleine und bedeutete Björn, dass ich aufs Boot muss. Hektisch hängte man eine kurze Leiter übers Geländer, die bis zur Wasseroberfläche reichte. Zum Glück hatte ich noch ein paar Restkräfte in mir, mit denen ich einen Fuß auf die unterste Stufe hieven konnte. Mit den übrigen letzten Kräften zog ich mich hoch, Björn und Kathrin halfen mir schließen dabei, über das Geländer zu steigen.  Ich mochte mir nicht ausmalen, was gewesen wäre, wenn ich nicht aus eigenen Kräften die Leiter hätte hochkommen können…

auf Boot-1

An Bord füllte der Kapitän schnell das Protokoll aus mit „Abbruch“ wegen „Wasser in der Lunge“ und „Atemnot“. Trotz dieser „Diagnose“ fuhren wir nicht zum nächst gelegenen Hafen (Puttgarden), sondern schipperten im schnellsten, aber immer noch sehr gemütlichen Tempo (ca. 12 km/h) ganze drei Stunden bis nach Orth, wo das Boot seinen Liegeplatz hat. Auch die Presse wurde schnell informiert – ohne eine richtige Diagnose abzuwarten oder mich zumindest zu befragen, wie es mir geht. Entsprechend fiel dann auch der Artikel am nächsten Tag in der lokalen Zeitung.. Binnen der drei Stunden Bootsfahrt erholte ich mich schon recht gut. Dennoch folgte ich dem Rat aller, doch noch zum Arzt zu fahren. Dieser schloss dann ein Lungenödem (Wasser in der Lunge) und auch sonstige Lungenschäden aus. Er meinte, dass wohl die Abgase den Hustenreiz und die Atemnot ausgelöst haben könnten.

 

 

 

 

Während des ganzen Tages erreichten mich auf allen möglichen Wegen so viele Nachrichten von Freunden, wovon ich wirklich überwältigt war. Tausend Dank dafür, auch wenn jedes einzelne Wort natürlich neue Tränen ausgelöst hat.

 

Zwischenzeitlich sind selbige getrocknet und es geht mir körperlich schon wieder ganz gut, auch wenn Anstrengungen immer noch geringen Hustenreiz und leichte Schmerzen in der Lunge auslösen.

 

Auch wenn die acht Stunden in der Ostsee wirklich hart waren, bin ich keineswegs stolz auf meine Leistung. Ich habe schon an einen Wiederholungsversuch gedacht, aber dann muss wirklich alles (Wetter, Wind, Strömung, Boot, Bootsfahrer usw.) passen. Mal schauen, ob das irgendwann mal der Fall sein wird…

 

Für die unmittelbare Unterstützung an Bord und an den Stunden und Tagen davor und danach möchte ich mich ganz herzlich bei Kathrin und Björn bedanken! Ihr wart großartig! Ebenfalls ein großes Dankeschön geht nach Wittichenau zu Daniela Harbach und Jan (VitalTreff-FitClub Hoyerswerda), die mich im Bereich Ernährung unterstützen, sowie an HEAD Swimming für die beste Ausrüstung rund um das Schwimmen. Wenn man die reinen Zahlen betrachtet (8.15 h Schwimmzeit und 28 km) war es angesichts der schwierigen Bedingungen kein schlechtes Schwimmen. Das lässt hoffen für die kommenden Projekte…

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